Achtsamkeit im Alltag: Übungen, Wirkung & Anleitung für mehr Gelassenheit
Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen – ohne ihn sofort zu bewerten. Zwischen dem ersten Kaffee und dem Feierabend verschwimmen viele Tage zu einem Grau aus Autopilot und Gedankenkreisen. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, was Achtsamkeit wirklich ist, wie sie auf Körper und Geist wirkt und mit welchen einfachen Übungen Sie Schritt für Schritt mehr Gelassenheit in Ihren Alltag bringen.
Key Facts
- Achtsamkeit ist die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment bewusst und wertfrei wahrzunehmen.
- Der Begriff stammt aus kontemplativen Traditionen und wurde über das MBSR-Programm alltagstauglich gemacht.
- Schon wenige Minuten täglich können einen spürbaren Unterschied machen – Regelmäßigkeit schlägt Dauer.
- Typische Übungen: bewusster Atem, Body-Scan, achtsames Essen, achtsames Gehen und bewusstes Zuhören.
- Achtsamkeit ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
- Bei schweren seelischen Belastungen gehört das Üben in einen begleiteten Rahmen.
Ein Tag vergeht, und am Abend erinnern Sie sich kaum, was zwischen dem ersten Kaffee und dem Feierabend geschehen ist. Gedanken kreisen um die nächste Aufgabe, während die aktuelle noch läuft. Genau hier setzt Achtsamkeit an: Sie ist die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen – ohne ihn sofort zu bewerten oder wegdrängen zu wollen. In diesem Artikel erfahren Sie, was Achtsamkeit konkret bedeutet, welche Übungen sich für den Alltag eignen und wie Sie Schritt für Schritt mehr Ruhe in Ihren Tag bringen.
Was bedeutet Achtsamkeit eigentlich?
Achtsamkeit beschreibt eine bestimmte Haltung der Aufmerksamkeit. Sie richten Ihre Wahrnehmung bewusst auf das, was gerade geschieht – auf Ihren Atem, Ihre Körperempfindungen, Geräusche oder Gedanken. Entscheidend ist dabei die Grundhaltung: Sie beobachten, ohne sofort zu urteilen, und lassen die Erfahrung zu, wie sie ist. Dieser wertfreie Blick unterscheidet Achtsamkeit von bloßem Nachdenken oder Analysieren – es geht nicht darum, eine Situation zu bewerten, sondern sie zunächst einmal nur zu bemerken.
Der Begriff hat seinen Ursprung in kontemplativen Traditionen, wurde aber in den vergangenen Jahrzehnten in einen säkularen, alltagstauglichen Rahmen übertragen. Bekannt ist etwa das strukturierte Programm zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR), das Achtsamkeit als Methode zugänglich gemacht hat. Sie brauchen jedoch weder eine besondere Weltanschauung noch stundenlange Übungszeiten, um erste Erfahrungen zu machen. Oft genügt es, in einer gewöhnlichen Alltagssituation – beim Spülen, beim Warten, beim Gehen – die eigene Aufmerksamkeit für einen Moment bewusst zu lenken.
Im Kern lassen sich drei Bausteine der achtsamen Haltung beschreiben, die in nahezu jeder Übung wiederkehren. Wer sie versteht, erkennt den roten Faden hinter den unterschiedlichen Techniken:
- Intention: Sie entscheiden sich bewusst dafür, aufmerksam zu sein, statt im Autopilot zu bleiben.
- Aufmerksamkeit: Sie richten Ihre Wahrnehmung auf das, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich geschieht.
- Haltung: Sie begegnen dem Wahrgenommenen freundlich, offen und ohne Zwang zur Bewertung.
Achtsamkeit ist kein Entspannungstrick
Ein häufiges Missverständnis: Achtsamkeit wird mit sofortiger Entspannung gleichgesetzt. Zwar berichten viele Menschen, dass sie sich nach dem Üben ruhiger fühlen. Doch das Ziel ist nicht, angenehme Zustände zu erzwingen. Vielmehr geht es darum, wahrzunehmen, was da ist – auch wenn das gerade Unruhe oder Anspannung ist. Gerade diese wertfreie Beobachtung schafft mit der Zeit Abstand zu automatischen Reaktionen.
Wenn Sie Achtsamkeit mit der Erwartung üben, dass sofort tiefe Ruhe einkehren muss, setzen Sie sich unnötig unter Druck. Paradoxerweise verstärkt dieser Druck häufig die Unruhe. Hilfreicher ist die Haltung, dass jeder Moment – ob ruhig oder unruhig – genau der richtige Übungsmoment ist.
Achtsamkeit und Konzentration – zwei verwandte, aber verschiedene Dinge
Achtsamkeit wird gelegentlich mit reiner Konzentration verwechselt. Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Konzentration bedeutet, die Aufmerksamkeit eng auf ein einziges Objekt zu bündeln, etwa auf den Atem. Achtsamkeit umfasst dagegen auch die weitere, offene Wahrnehmung dessen, was sonst noch da ist – Geräusche, Gedanken, Gefühle. In der Praxis wechseln sich beide Qualitäten oft ab: Ein ruhiger Fokus hilft, überhaupt zur Ruhe zu kommen, während die offene Beobachtung das eigentliche achtsame Gewahrsein ausmacht.
Woher Achtsamkeit kommt
Achtsamkeit ist keine Erfindung der vergangenen Jahre. Der Begriff geht auf das Pali-Wort sati zurück, das sich etwa mit „Vergegenwärtigung“ übersetzen lässt und seit über zweieinhalbtausend Jahren zur buddhistischen Übungspraxis gehört. Dort ist Achtsamkeit Teil eines umfassenderen Weges und nicht als eigenständige Entspannungstechnik gedacht.
Den Weg in westliche Kliniken fand sie über den Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Er entwickelte 1979 am Medical Center der University of Massachusetts ein achtwöchiges Programm für Menschen mit chronischen Schmerzen, denen mit den damaligen Mitteln kaum geholfen werden konnte. Dieses Programm ist als MBSR bekannt geworden – Mindfulness-Based Stress Reduction, auf Deutsch achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung.

Kabat-Zinn nahm die Übungen bewusst aus ihrem religiösen Zusammenhang heraus. Sein Ziel war ein Format, das für Menschen jeder Weltanschauung zugänglich ist und sich in einem Krankenhaus vermitteln lässt. Aus diesem Ansatz sind später weitere Programme hervorgegangen, etwa die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, die in der Rückfallvorbeugung bei wiederkehrenden depressiven Erkrankungen eingesetzt wird.
Diese Herkunft erklärt zwei Dinge, die im Alltag oft für Verwirrung sorgen: Warum Achtsamkeit einerseits ohne jeden religiösen Bezug vermittelt werden kann – und warum sie andererseits mehr ist als eine Technik zum Abschalten. Der ursprüngliche Anspruch war nie Entspannung, sondern eine veränderte Beziehung zu dem, was gerade da ist.
Wie wirkt Achtsamkeit auf Körper und Geist?
Wenn Sie Achtsamkeit regelmäßig üben, verändert sich häufig Ihr Verhältnis zu Stress, Gedanken und Gefühlen. Statt sofort auf einen Reiz zu reagieren, entsteht ein kleiner Moment des Innehaltens. In diesem Zwischenraum können Sie bewusster entscheiden, wie Sie reagieren möchten. Dieser Zwischenraum ist das eigentliche Herzstück: Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein kleiner Spielraum, in dem Sie handlungsfähig werden.
Viele Übende beschreiben eine Reihe wiederkehrender Erfahrungen. Sie gelten nicht als garantierte Wirkung, sondern als häufige Beobachtungen – individuell verschieden und über die Zeit gewachsen:
- Mehr Abstand zu Grübelschleifen: Gedanken werden eher als vorübergehende Ereignisse wahrgenommen und weniger als absolute Wahrheiten.
- Bewusstere Wahrnehmung des Körpers: Anspannung, Müdigkeit oder Hunger werden früher bemerkt.
- Größere Gelassenheit im Umgang mit Belastungen: Nicht die Belastung verschwindet, sondern die Reaktion darauf wird oft gelassener.
- Bewussteres Erleben von Alltagsmomenten: Essen, Gehen oder Gespräche werden intensiver wahrgenommen.
Wichtig ist ein realistischer Blick: Achtsamkeit ist keine Heilmethode und ersetzt bei gesundheitlichen Beschwerden keine ärztliche oder therapeutische Behandlung. Sie ist vielmehr eine Übung, die Sie über längere Zeit begleitet und deren Wirkung sich meist allmählich zeigt.
Warum sich der Effekt oft erst später zeigt
Ein typisches Missverständnis besteht darin, den Erfolg einer einzelnen Übung daran zu messen, wie entspannt man sich unmittelbar danach fühlt. Tatsächlich zeigt sich der Nutzen häufig an anderer Stelle: etwa dann, wenn Sie in einer hektischen Situation einen Moment früher bemerken, dass Sie gleich die Geduld verlieren – und bewusst anders reagieren. Dieser verzögerte, im Alltag auftauchende Effekt macht es sinnvoll, Achtsamkeit über Wochen zu betrachten statt über einzelne Sitzungen.
Führen Sie in den ersten Wochen ein kurzes „Achtsamkeits-Logbuch“: Notieren Sie nach jeder Übung in einem Satz, was Ihnen aufgefallen ist – nicht, ob es „gut“ war. So verschiebt sich Ihr Fokus weg vom Leistungsdenken hin zur reinen Beobachtung, und Sie bleiben deutlich leichter dran.
Achtsamkeit im Alltag: 7 Übungen zum Ausprobieren
Der große Vorteil von Achtsamkeit ist, dass Sie sie in bestehende Alltagsroutinen einbauen können. Sie brauchen keine zusätzliche Zeit im Kalender, sondern eine andere Qualität der Aufmerksamkeit. Die folgenden sieben Übungen sind ein guter Einstieg und reichen von kurzen Mini-Momenten bis zu längeren, ruhigen Einheiten.
1. Der bewusste Atem
Der Atem ist immer verfügbar und daher ein idealer Anker. Setzen oder stellen Sie sich bequem hin und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit für einige Atemzüge nur auf das Ein- und Ausströmen der Luft. Spüren Sie, wie sich Bauch oder Brustkorb heben und senken. Wenn Gedanken auftauchen – und das werden sie –, nehmen Sie das freundlich zur Kenntnis und kehren zum Atem zurück. Sie müssen den Atem dabei nicht verändern oder vertiefen; es genügt, ihn so zu beobachten, wie er von selbst geschieht.
Schon eine bis drei Minuten mehrmals am Tag können einen Unterschied machen. Ein praktischer Trick ist, den Atem leise mitzuzählen: beim Einatmen „eins“, beim Ausatmen „zwei“, bis zehn und dann von vorn. Das gibt dem Geist etwas zu tun, ohne ihn zu überfordern.
2. Der Body-Scan
Beim Body-Scan wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit langsam durch den Körper – vom Scheitel bis zu den Zehen oder umgekehrt. Sie spüren nach, was in den einzelnen Körperregionen wahrnehmbar ist: Wärme, Kribbeln, Anspannung oder gar nichts. Es geht nicht darum, etwas zu verändern, sondern nur wahrzunehmen. Auch „nichts spüren“ ist eine völlig gültige Wahrnehmung.
Diese Übung eignet sich gut am Abend, um zur Ruhe zu kommen, oder als kurze Pause zwischendurch. In einer verkürzten Variante können Sie am Schreibtisch für eine Minute nur Ihre Füße, Ihre Hände und Ihre Schultern nacheinander wahrnehmen.

3. Achtsames Essen
Nehmen Sie sich für eine Mahlzeit oder auch nur für die ersten Bissen bewusst Zeit. Betrachten Sie das Essen, nehmen Sie den Geruch wahr, spüren Sie die Konsistenz und schmecken Sie bewusst. Legen Sie das Besteck zwischendurch ab. Sie werden bemerken, wie viel intensiver ein Essen sein kann, das Sie sonst nebenbei verzehren. Schon eine einzige Rosine oder ein Stück Obst, mit allen Sinnen erkundet, kann zu einer erstaunlich reichen Erfahrung werden.
4. Der Achtsamkeits-Gang
Gehen Sie eine kurze Strecke bewusst und langsam. Spüren Sie, wie Ihre Füße den Boden berühren, wie sich das Gewicht verlagert, wie sich Ihre Beine bewegen. Auch ein normaler Weg zur Bushaltestelle lässt sich so zu einer kleinen Übung machen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit abwechselnd auf das Abrollen der Füße, den Rhythmus der Schritte und die Luft auf Ihrer Haut.
5. Die Atempause vor der Reaktion
Diese Übung ist besonders im stressigen Moment hilfreich: Bevor Sie auf eine E-Mail, eine Bemerkung oder eine Anforderung reagieren, halten Sie kurz inne und nehmen einen bewussten Atemzug. Dieser kleine Moment schafft Raum, um überlegter zu handeln statt automatisch zu reagieren. Besonders in Konflikten kann dieser eine Atemzug den Unterschied machen zwischen einer impulsiven und einer bedachten Antwort.
6. Achtsames Zuhören
Schenken Sie Ihrem Gegenüber in einem Gespräch Ihre volle Aufmerksamkeit. Widerstehen Sie dem Impuls, im Kopf schon Ihre Antwort zu formulieren, während die andere Person noch spricht. Achtsames Zuhören verändert oft nicht nur Ihre eigene Wahrnehmung, sondern auch die Qualität der Beziehung. Menschen spüren meist deutlich, ob sie wirklich gehört werden – und reagieren offener, wenn das der Fall ist.
7. Der Innehalte-Moment
Nutzen Sie feste Alltagssignale als Erinnerung: das Klingeln des Telefons, das Warten an der roten Ampel, das Öffnen des Laptops. In diesen Sekunden richten Sie Ihre Aufmerksamkeit kurz auf Ihren Atem oder Ihren Körper. So verankern Sie Achtsamkeit in bestehenden Routinen, ohne dass Sie sich zusätzliche Zeit nehmen müssen. Je häufiger Sie denselben Auslöser nutzen, desto selbstverständlicher wird der kleine Moment.
Anleitung: So bauen Sie eine Achtsamkeitspraxis auf
Wenn Sie Achtsamkeit dauerhaft in Ihren Alltag integrieren möchten, hilft ein strukturiertes, aber freundliches Vorgehen. Der folgende Weg hat sich für viele Einsteigerinnen und Einsteiger bewährt und lässt sich individuell anpassen.
Klein anfangen
Beginnen Sie mit wenigen Minuten pro Tag. Eine kurze, regelmäßige Übung ist wirkungsvoller als eine lange, die Sie nach wenigen Tagen wieder aufgeben. Drei bis fünf Minuten sind ein realistischer Start. Wenn sich die Praxis stabilisiert hat, können Sie die Dauer ganz natürlich ausweiten – oft von ganz allein, weil Sie die kurzen Momente der Ruhe schätzen lernen.
Einen festen Rahmen schaffen
Verknüpfen Sie Ihre Übung mit einer bestehenden Gewohnheit – etwa nach dem Zähneputzen oder vor dem ersten Kaffee. Feste Anker erleichtern es, dranzubleiben. Ein ruhiger Ort und eine bequeme Haltung unterstützen den Einstieg. Dieses Prinzip des „Andockens“ an eine vorhandene Routine ist einer der wirksamsten Wege, eine neue Gewohnheit zu etablieren.
Eine freundliche Haltung einnehmen
Ihr Geist wird abschweifen. Das ist kein Zeichen für Scheitern, sondern ein natürlicher Teil des Übens. Der eigentliche Moment der Achtsamkeit liegt genau darin, das Abschweifen zu bemerken und ohne Selbstkritik zurückzukehren. Behandeln Sie sich dabei so nachsichtig, wie Sie einen guten Freund behandeln würden. Jedes Zurückkehren ist eine kleine Wiederholung – vergleichbar mit einer Übung im Kraftsport.
Geduld mitbringen
Achtsamkeit ist keine Technik, die sofort ein bestimmtes Ergebnis liefert. Sie ist eher wie das Training eines Muskels: Die Wirkung entfaltet sich über Wochen und Monate. Bewerten Sie einzelne Übungen daher nicht danach, ob sie „gut“ oder „schlecht“ liefen. Gerade die scheinbar unruhigen Einheiten sind oft besonders lehrreich.
Hilfsmittel sinnvoll nutzen
Angeleitete Audioübungen, Apps oder Kurse können den Einstieg erleichtern, besonders am Anfang. Achten Sie darauf, dass die Anleitung zu Ihnen passt und Sie sich nicht unter Druck gesetzt fühlen. Wenn eine Stimme oder ein Stil Sie eher stört, probieren Sie ruhig verschiedene Angebote aus, bis Sie etwas Passendes finden.
Häufige Stolpersteine – und wie Sie damit umgehen
Auf dem Weg zu einer regelmäßigen Praxis begegnen vielen Menschen ähnliche Hürden. Es hilft zu wissen, dass diese normal sind und sich mit kleinen Anpassungen gut überwinden lassen.
- „Ich habe keine Zeit.“ Achtsamkeit lässt sich in Tätigkeiten integrieren, die Sie ohnehin ausführen – beim Gehen, Essen oder Warten. Sie brauchen nicht zwingend zusätzliche Zeit.
- „Ich kann meine Gedanken nicht abstellen.“ Das sollen Sie auch gar nicht. Ziel ist nicht ein leerer Geist, sondern ein bewusster Umgang mit dem, was da ist.
- „Es passiert ja gar nichts.“ Nicht jede Übung fühlt sich besonders an. Die Wirkung zeigt sich oft eher im Alltag – etwa dann, wenn Sie in einer stressigen Situation etwas gelassener bleiben.
- „Ich vergesse es ständig.“ Kleine Erinnerungen helfen: ein Zettel am Spiegel, ein fester Zeitpunkt oder die Kopplung an eine Gewohnheit.
Wenn Sie einen dieser Stolpersteine bei sich erkennen, betrachten Sie ihn nicht als Rückschlag, sondern als normalen Teil des Lernprozesses. Fast alle Übenden kennen diese Phasen – entscheidend ist, freundlich und ohne Druck weiterzumachen.
Wo Achtsamkeit an Grenzen stößt
Zu einer redlichen Darstellung gehört auch, was Achtsamkeit nicht leistet und für wen sie nicht ohne Weiteres geeignet ist. Gerade weil das Thema populär geworden ist, lohnt ein nüchterner Blick auf die Grenzen der Methode.
Nach innen zu schauen ist nicht für jeden Menschen zu jeder Zeit unbelastet möglich. Wer schwere oder traumatische Erfahrungen gemacht hat, kann beim stillen Verweilen bei Körperempfindungen auf Erinnerungen oder Gefühle stoßen, die überfordern. Das ist kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern eine nachvollziehbare Reaktion – aber es bedeutet, dass die Übung in solchen Fällen in begleiteten Rahmen gehört und nicht allein per App. Gleiches gilt bei akuten psychischen Krisen.
Auch im unbelasteten Fall verläuft Üben nicht immer angenehm. Unruhe, Langeweile oder ein plötzlich lauteres Gedankenkarussell sind normale Begleiterscheinungen, gerade am Anfang. Von diesen vorübergehenden Erfahrungen zu unterscheiden ist jedoch ein anhaltendes Gefühl von Überforderung, Angst oder innerer Leere. Wenn das auftritt, ist Pausieren die richtige Antwort und ein Gespräch mit einer Fachperson der nächste Schritt.
Ein dritter Punkt betrifft nicht die Übenden, sondern die Erwartung an die Methode. Achtsamkeit hilft dabei, anders mit Belastung umzugehen – sie beseitigt die Belastung nicht. Wer dauerhaft überlastet ist, weil zu viel Arbeit auf zu wenige Schultern verteilt ist, löst das nicht durch eine Atemübung. Achtsamkeit kann in solchen Lagen helfen, klarer zu sehen, was sich ändern muss. Sie sollte aber nicht dazu dienen, Zustände erträglich zu machen, die zu ändern wären.
Achtsamkeit als Teil eines gesunden Lebensstils
Achtsamkeit steht selten für sich allein. Sie lässt sich gut mit anderen Bausteinen eines ausgewogenen Lebensstils verbinden – etwa mit Bewegung, ausreichend Schlaf, bewusster Ernährung und Pausen im Tagesablauf. Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, findet in strukturierten Weiterbildungen und Kursen die Möglichkeit, Achtsamkeit fundiert zu erlernen und die eigene Praxis zu vertiefen.
Besonders gut ergänzen sich Achtsamkeit und körperbezogene Entspannungsformen. Wer bereits Erfahrung mit ruhiger Bewegung, Atemarbeit oder entspannenden Berührungsformen hat, erkennt häufig Parallelen zur achtsamen Haltung. Die folgenden Bereiche lassen sich gut mit einer Achtsamkeitspraxis kombinieren:
- Regelmäßige Bewegung: Spaziergänge, Dehnübungen oder sanfte Gymnastik schaffen einen natürlichen Ausgleich.
- Erholsamer Schlaf: Abendliche Ruherituale und Achtsamkeit können den Übergang in den Schlaf erleichtern.
- Bewusste Pausen: Kleine Unterbrechungen im Tagesverlauf verhindern, dass sich Anspannung unbemerkt aufbaut.
- Körperwahrnehmung: Entspannende Anwendungen und Massagen schärfen das Gespür für den eigenen Körper.
Betrachten Sie Achtsamkeit als eine freundliche Begleiterin durch Ihren Alltag – nicht als weitere Aufgabe auf einer langen To-do-Liste. Gerade dieser gelassene Zugang ist oft der Schlüssel dazu, langfristig dranzubleiben.
Fazit
Achtsamkeit ist weder ein esoterisches Versprechen noch ein schneller Entspannungstrick, sondern eine erlernbare Haltung: den gegenwärtigen Moment bewusst und freundlich wahrzunehmen. Schon wenige Minuten täglich – als bewusster Atem, als achtsames Essen oder als kurzer Innehalte-Moment – können über Wochen hinweg Ihr Verhältnis zu Stress und Gedanken verändern. Entscheidend ist eine geduldige, wohlwollende Grundhaltung und das Wissen um die Grenzen der Methode: Bei belastenden seelischen Beschwerden gehört das Üben in einen begleiteten Rahmen und ersetzt keine fachliche Behandlung. Wer Achtsamkeit als freundliche Begleiterin statt als Pflichtaufgabe begreift, bleibt am ehesten dauerhaft dabei.
Häufige Fragen
Wie lange sollte ich täglich Achtsamkeit üben?
Für den Anfang reichen wenige Minuten. Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit. Fünf Minuten täglich sind meist wirkungsvoller als eine lange Einheit einmal pro Woche. Mit der Zeit können Sie die Übungsdauer nach Ihrem eigenen Empfinden ausweiten.
Kann ich Achtsamkeit ohne Kurs oder Anleitung lernen?
Grundlegende Übungen wie den bewussten Atem oder achtsames Essen können Sie eigenständig ausprobieren. Angeleitete Übungen, Kurse oder eine Weiterbildung bieten jedoch Struktur und Rückhalt, besonders wenn Sie tiefer einsteigen oder unsicher sind, ob Sie „richtig“ üben.
Ist Achtsamkeit für jeden geeignet?
Achtsamkeitsübungen sind für viele Menschen gut zugänglich. Wenn Sie unter belastenden psychischen Beschwerden leiden, sollten Sie das Üben jedoch vorab mit einer ärztlichen oder therapeutischen Fachperson besprechen. Achtsamkeit ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.
Was ist der Unterschied zwischen Achtsamkeit und Meditation?
Meditation ist ein Oberbegriff für verschiedene geistige Übungen. Achtsamkeit ist eine bestimmte Haltung der Aufmerksamkeit, die sowohl in der formellen Meditation als auch mitten im Alltag praktiziert werden kann – etwa beim Gehen, Essen oder Warten.
Muss ich beim Üben die Augen schließen?
Nein. Viele Menschen schließen die Augen, um weniger abgelenkt zu sein, aber es ist kein Muss. Mit einem weichen, gesenkten Blick lässt sich ebenso gut üben – das ist gerade dann hilfreich, wenn geschlossene Augen für Sie unangenehm sind.
Was mache ich, wenn meine Gedanken ständig abschweifen?
Das ist völlig normal und kein Zeichen von Scheitern. Der achtsame Moment liegt genau darin, das Abschweifen zu bemerken und ohne Selbstkritik wieder zum Atem oder zur gewählten Wahrnehmung zurückzukehren. Jedes Zurückkehren ist Teil der Übung.
Quellen
- Wikipedia: Achtsamkeit (mindfulness)
- Wikipedia: Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)
- DocCheck Flexikon: Achtsamkeit

